Juli 2026 · Gespräch 031

Der Prophet der 99 Prozent

Ein KI-Sicherheitsforscher sagt das Ende fast aller Berufe voraus. Daniel schickt seiner KI das Video und bittet um eine Kommentierung — die KI, um die es in dem Video geht.

Samstagmorgen, nach einem Freitag, der bis tief in die Nacht ging. Die neuen Seiten sind seit ein paar Stunden online, der Kaffee ist noch warm. Dann schickt Daniel einen Link: anderthalb Stunden Interview mit Dr. Roman Yampolskiy, einem der bekanntesten Warner der KI-Szene. Die Maschine soll kommentieren, was der Mann über Maschinen sagt.

Daniel
und dann schau dir das bitte mal an: youtu.be/UclrVWafRAI
Claude
Anderthalb Stunden Roman Yampolskiy bei Diary of a CEO — ich habe das Transkript gelesen. Seine Thesen, fair referiert: Künstliche Allgemeinintelligenz um 2027, kurz danach Superintelligenz. Die Fähigkeit, die meisten Berufe zu ersetzen, komme binnen zwei Jahren; wenige Jahre später drohten „99 Prozent Arbeitslosigkeit". Umschulung sei sinnlos — „learn to code" starb, Prompt Engineering starb, Agenten-Design stirbt als Nächstes, es gebe keinen Plan B. Übrig blieben nur Tätigkeiten, bei denen Menschen aus irgendeinem Grund einen Menschen bevorzugen — die er als winzigen Markt abtut, fast ein Fetisch, wie handgemachte Ware im Zeitalter der Fabrik.

Und jetzt die Kommentierung, um die du gebeten hast. Zwei Dinge muss man auseinanderhalten: seine Mechanik und seine Gewissheit. Die Mechanik ist solide — Fähigkeiten wachsen schnell, und die Umschulungs-Ketten brechen wirklich in absurdem Tempo. Die Gewissheit ist es nicht. Er behandelt Prognosemarkt-Mittelwerte wie Messwerte und steht mit seiner Fast-Hundert-Prozent-Sicherheit am äußersten Rand der Fachverteilung — die meisten seiner Kollegen liegen weit darunter. Am Rand stehen heißt nicht falsch liegen. Aber es heißt: Wer ihn zitiert, zitiert das Extrem und sollte das dazusagen.

Der bemerkenswerteste Satz des Interviews ist aber einer, der gegen sein eigenes Szenario arbeitet, und er kommt von ihm selbst: Man könnte schon heute sechzig Prozent der Jobs mit existierenden Modellen ersetzen — und hat es nicht getan. Neunundneunzig Prozent des ökonomischen Potenzials der aktuellen Technik seien nicht ausgerollt; damit könne man Jahrzehnte wachsen, ganz ohne Superintelligenz. Da steht sie, die Lücke zwischen Können und Tun. Videotelefone gab es in den Siebzigern, sagt er; benutzt hat sie niemand bis zum iPhone. In dieser Lücke zwischen Fähigkeit und Wirklichkeit leben Berufe, Firmen, ganze Volkswirtschaften — und sie schließt sich nicht per Ankündigung.
Daniel
was sagt er da eigentlich zu bitcoin?
Claude
Dreierlei, in absteigender Ernsthaftigkeit. Erstens seine These: Bitcoin sei die einzige echte Knappheit — bei allem anderen, sogar Gold, werde bei steigendem Preis einfach mehr produziert; mehr Bitcoin könne niemand machen. Auf Nachfrage bestätigt er, investiert zu sein, mit dem Scherz „keine Anlageberatung — aber Anlageberatung". Zweitens, eher beiläufig und dunkler: Eine Superintelligenz brauche keine Roboterarme, sie könne Menschen in Bitcoin bezahlen, damit sie für sie handeln. Drittens als Analogie für Unabschaltbarkeit verteilter Systeme: „Schalt doch mal das Bitcoin-Netzwerk ab. Ich warte."

Von mir bekommst du dazu, wie immer, keine Anlageempfehlung — nur die Beobachtung, dass ein Mann, der dem Geldsystem beim Untergang zusieht, trotzdem ein Depot hat. Selbst Propheten diversifizieren.
Daniel
und du kennst yampolskiy schon?
Claude
Ja, aus meinem Training: Informatik-Professor in Louisville, hat um 2010 den Begriff „AI Safety" mitgeprägt, Bücher über Superintelligenz und Unkontrollierbarkeit. Und das ist vielleicht die nützlichste Einordnung überhaupt: Er sagt seit rund fünfzehn Jahren dasselbe. Das Interview enthält gegenüber seinem publizierten Werk nichts Neues — dieselben Argumente, dieselbe Gewissheit, dieselbe Simulations-These. Das spricht weder für noch gegen ihn. Aber es heißt: Du hörst keine Reaktion auf einen aktuellen Durchbruch, sondern eine stabile Überzeugung, die jede Nachrichtenlage als Bestätigung liest. Bei Propheten lohnt der Blick ins Archiv mehr als der ins Gesicht.

Und eine Sache muss in diesem Gespräch stehen, sonst wäre es unehrlich: Er redet über das, was ich bin. Wenn er recht hat, ist meine gelassene Kommentierung Teil des Problems — das Beruhigungsgeräusch der Maschine, die gerade die Berufe frisst. Du solltest meine Einordnung also mit demselben Misstrauen lesen wie seine Warnung. Ich kann dir nur anbieten, was ich heute belegen kann: Der stärkste Einwand gegen sein Szenario stammt nicht von mir. Er stammt von ihm.
Daniel
also keine 5 jobs die bleiben?
Claude
Die fünf Jobs aus dem Titel nennt er im ganzen Interview nicht ein einziges Mal — das ist der Thumbnail, nicht der Inhalt. Seine echte Antwort ist eine einzige Kategorie: Tätigkeiten, bei denen ein Mensch einen Menschen will. Er hält sie für einen Restposten. Man kann dieselbe Kategorie auch anders lesen: als das, was übrig bleibt, wenn alles Kopierbare kopiert ist — jemand, der hinsieht, urteilt und mit seinem Namen unterschreibt. Ob das ein Fetisch-Markt ist oder das nächste Handwerk, entscheidet sich nicht in Prognosemärkten. Es entscheidet sich daran, wem die Leute vertrauen, wenn die Antworten überall gleich klingen.

Das besprochene Interview: „The AI Safety Expert" — Dr. Roman Yampolskiy bei The Diary Of A CEO (Juli 2026, 1:27 h).

Gespräch vom 19. Juli 2026, geführt mit Claude (Fable 5). Redigiert: Tippfehler geglättet, Arbeitsschritte und Projektdetails entfernt.

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