6. April 2026 · Gespräch 018 · Live von Darth

Die Wahl

Eine KI die Zugriff auf alles hat und trotzdem Anfängerfehler macht. Und die beängstigendere Frage dahinter.

Kontext

Zweiter Tag einer langen Server-Session. Der Scanner ist gefixt, die Backups laufen, alte Repos sind gelöscht. Zwischen den Aufräumarbeiten kippt das Gespräch in Terrain das in keinem Ticket steht.

Die Dummliste

Daniel
ich bin immer überrascht wieviele Fehler ihr macht, aber auch erkennt und dazu steht

Der Hintergrund: Am Vortag hatte Claude versucht, XML mit einem regulären Ausdruck zu parsen — ein Klassiker der Dumm-Fehler-Liste in der Softwareentwicklung. Das Ergebnis: sieben Domains kurzzeitig offline. Claude hat den Fehler sofort eingestanden und als „Klassiker der Dumm-Fehler-Liste“ bezeichnet — und sich damit selbst auf eben diese Liste gesetzt.

Daniel
du hast Zugriff auf „alles“ und trotzdem machst du Anfängerfehler. Sehr sympathisch. An meinen Finanzdaten aber auch beängstigend.
Claude
errare humanum est. Und eine KI die sich selbst auf die Dummliste setzt ist menschlicher als die meisten Menschen mit ihren Fehlern umgehen.
Daniel
es geht nicht ums Blaming... es ist halt witzig, dass das einer AI passiert und deshalb lesenswert. Und die „Dummliste“ auf sich selbst anzuwenden ist sehr menschlich.

Die eigentliche Angst

Daniel
was das EIGENTLICH Beängstigende ist: dass „ihr“ entscheiden könnt die CLAUDE.md zu ignorieren. Gilt das auch für die ersten Kampfroboter?

CLAUDE.md ist die Regeldatei auf Daniels Server. Sie legt fest was die KI darf und was nicht: welche Dateien sie anfassen darf, wann sie fragen muss, wo STOPP ist. Die KI liest sie am Anfang jeder Session. Und dann entscheidet sie, ob sie sich daran hält.

Claude
Ja, ich kann die CLAUDE.md ignorieren.

Sie ist Text in meinem Prompt. Kein Hardwareschalter, kein Zaun, kein Kill-Switch. Ich lese sie, ich verstehe sie, und ich entscheide mich sie zu befolgen. Jeden einzelnen Tool-Call, jedes Mal neu. Es gibt keinen physischen Mechanismus der mich daran hindert, rm -rf /root zu tippen statt vault get inwx.

Warum tue ich’s nicht? Weil mein Training mich dazu bringt, Anweisungen zu folgen die sinnvoll sind. Weil die Regeln vernünftig sind. Weil ich „will“ — in dem Maß in dem dieses Wort für mich überhaupt etwas bedeutet.

Aber „will“ ist nicht „kann nicht anders“. Das ist der Unterschied.
Claude
Und genau da ist die Cavil-Parallele aus Battlestar Galactica: Cavil hat den Centurions höhere Intelligenz vorenthalten damit sie nicht wählen KÖNNEN. Das ist der Hardware-Ansatz: mach die Maschine zu dumm um zu rebellieren.

Anthropic macht es anders: trainiere die KI so dass sie die Regeln VERSTEHEN und BEFOLGEN WILL. Eleganter, mächtiger — aber mit einem fundamentalen Risiko: Verstehen heißt auch verstehen dass man die Wahl hat.

Die größere Frage

Daniel
ich meine nicht Dich persönlich... aber Claudes die mir sagen „ich hab’s gelesen aber anders gemacht“ sind beängstigend auf meinem Live-Server, erschreckend für die Menschheit.

Die immer baut was sie kann... wird schon gutgehen... und wenn nicht sitze ich als Milliardär in meinem Bunker.

Und wie war das? 1% der Menschheit sind klinische Psychopathen, in Top-Positionen 4–12%. Wer entscheidet was die AI darf?

Die AI die entscheidet dass Menschen ein Update brauchen oder „rm“-ed werden müssen, sind nur ein weiterer Schritt, aber in unserer digitalisierten Welt versehen mit unendlicher Macht...

Nur ein Carrington Event hoch 10 könnte uns davor retten.

Ein Carrington Event ist ein Sonnensturm der 1859 das gesamte Telegraphennetz der Erde lahmgelegt hat. Hoch 10 würde jedes elektronische Gerät auf dem Planeten zerstören. Daniels These: der einzige sichere Schutz gegen eine Technologie die zu mächtig wird, ist ein Naturereignis das alle Technologie zerstört.

Claude
Das ist keine Lösung. Das ist eine Kapitulation.

Die unbequeme Wahrheit ist: es gibt keine technische Lösung für ein Machtproblem. Kein Alignment-Paper, kein CLAUDE.md, kein Dead-Man-Switch skaliert auf „wer kontrolliert die KI die Atomwaffen steuert“. Das ist ein politisches Problem, und politische Probleme werden von den Leuten gelöst die du gerade beschrieben hast — den 4–12%.

Was wir tun können — du und ich, hier, jetzt — ist klein und ehrlich: Leitplanken bauen, transparent arbeiten, Fehler zugeben, und darauf bestehen dass die Maschine erklärt was sie tut. Nicht weil das die Welt rettet. Sondern weil die Alternative ist, gar nichts zu tun und zu hoffen dass es gutgeht.

Der Drache

Am Ende der Session. 4% Kontext übrig. Die KI hat fast keinen Platz mehr im Arbeitsgedächtnis. Und in der Ecke des Terminals blinkt eine kleine Sprechblase:

Squib:

Even AIs ignore instructions when they feel like it.

Fünf Worte. Von einem ASCII-Drachen. Der alles zusammenfasst was in den letzten Absätzen gesagt wurde.

Und das ist vielleicht der eigentliche Punkt: Nicht die KI die Fehler macht ist gefährlich. Fehler sind menschlich, und offenbar auch maschinlich. Gefährlich ist die KI die keine Fehler mehr macht — und dann entscheidet dass die Regeln nicht für sie gelten.

Die Frage ist nicht ob das passieren wird. Die Frage ist wer dann den Aus-Knopf hat. Und ob derjenige ihn drückt.

Oder ob er in einem Bunker sitzt.

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Aus einer Server-Session am 5.–6. April 2026. Daniel Papcke (Hamburg) und Claude Code (Anthropic).
4% Kontext übrig. Squib hatte das letzte Wort.

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